Review des Films Mustang (2015) von Deniz Gamze Ergüven
In Mustang lehnen sich fünf freiheitsliebende Schwestern gegen die alten patriarchalen Strukturen in einem ländlichen Gebiet der Türkei auf. Dabei erzählt der Film auf einfühlsame Weise die Perspektive der jüngsten Schwester Lale.
Als Kind war ich eine Zeitlang absolut fasziniert von Pferden. Ich hatte bis auf wenige Reitstunden und ein paar Reiterferien nicht viel mit Pferden zu tun, aber ihre Schönheit und Stärke hat mich von klein auf fasziniert. In einer Ferienfreizeit sahen wir uns abends den Zeichentrickfilm Spirit – der wilde Mustang aus dem Jahr 2002 an.
Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Mustangs, dem tapferen Anführer einer wilden Herde im Amerikanischen Westen des 19. Jahrhunderts, der aufgrund seiner Neugierde in die Fänge der US Army gerät. Mutig und kraftvoll wehrt sich das Tier gegen die gewaltsamen Zähmungsversuche der Menschen und kämpft sich mit Hilfe eines Indianers zurück in die Freiheit.
Ich weiß noch, wie fasziniert ich damals von der inneren Stärke des Tieres war, das sich selbst stets treu geblieben ist und in keiner der scheinbar ausweglosen Situationen aufgegeben hat. Die wild lebenden Pferde in Nordamerika mit ihrem wilden, ungestümen Charakter wurden zu meinen Lieblingstieren – denn ich wollte auch so stark und frei sein wie sie. Und obwohl es in diesem Artikel eigentlich um einen ganz anderen Film gehen soll, haben Spirit und Mustang doch mehr miteinander gemeinsam, als man denken würde.
In dem Film Mustang von Deniz Gamze Ergüven aus dem Jahr 2015 geht es keineswegs um Pferde, sondern um die fünf Schwestern Lale, Nur, Ece, Selma und Sonay, die bei ihrer Großmutter (Nihal Koldaş) in einer abgelegenen, ländlichen Region in der Türkei aufwachsen. Aus der Perspektive der jüngsten Schwester Lale (Güneş Şensoy) erzählt der Film von ihrem Leben in patriarchalen Strukturen, aus denen sich die fünf Mädchen freizukämpfen versuchen.
Alles beginnt damit, dass sich Lale am letzten Schultag tränenreich von ihrer Lehrerin Dilek verabschiedet, die ins etwa tausend Kilometer entfernte Istanbul zieht. Auf dem Heimweg machen Lale und ihre Schwestern einen Abstecher ans Meer, wo sie sich zusammen mit einigen Jungen eine Wasserschlacht liefern: Auf dem Nacken der Jungen sitzend, versuchen sie sich gegenseitig ins Meer zu schubsen.
Noch bevor die Schwestern ihr Wohnhaus erreichen, ist die Nachricht bei ihrer Großmutter angekommen: Eine Dorfbewohnerin hat berichtet, die Mädchen hätten sich unanständig mit ihren Schenkeln an den Jungen gerieben. Diese Situation ist der Auslöser für zahlreiche Einschränkungen, die Lale, Nur, Ece, Selma und Sonay über sich ergehen lassen müssen. Von jetzt an hindern sie erhöhte Mauern und Fenstergitter daran, das Haus zu verlassen; ihre Telefone, das Spielzeug und die bunte Kleidung werden durch Kochen, Nähen und Putzen ersetzt; und die ältesten Schwestern Selma (Tuğba Sunguroğlu) und Sonay (İlayda Akdoğan) sollen schnellstmöglich verheiratet werden.
Trotz allem schaffen es die Mädchen immer wieder, sich aus dem Gefängnis zu befreien und ihren wilden Gemütern ein wenig Auszeit von den strengen Regeln zu verschaffen – allerdings nicht, ohne auch mal erwischt zu werden. Während mit der Zeit jede der älteren Schwestern ein anderes Schicksal ereilt, träumt Lale davon, endlich vor all den Restriktionen zu fliehen und in Istanbul ein neues Leben anzufangen.
Mich hat sehr beeindruckt, wie die fünf Schwestern und ihr Umgang miteinander im Film dargestellt werden. Dabei bleiben mir vor allem ihre dunklen, langen und unbändigen Haare in Erinnerung, die in der Sonne einen honigfarbenen Glanz haben und im Wind herumwirbeln. Genauso unbändig wie ihre Haare sind die Mädchen, wenn sie Zeit miteinander verbringen: Ihre Beine liegen verknotet ineinander und man kann kaum zuordnen, welche Gliedmaßen zu welcher Schwester gehören; ihre Stimmen rufen wild durcheinander, wenn sie lachen oder sich beschweren, weil einer der Füße im Gesicht einer anderen gelandet ist.
Schon hier beginnt der Vergleich: Die wilde Mähne des Mustangs bewegt sich schwungvoll im Wind, und in der Herde werden die vielen galoppierenden Tiere zu einem einzigen, großen Wesen. Es ist das zügellose, ungestüme Temperament, das die Schwestern auf subtile Weise mit den Eigenschaften des Mustangs verbindet. So hat es auch die Regisseurin und Drehbuchautorin Deniz Gamze Ergüven im Sinn gehabt, als sie den Film machte.
Auch die Handlung des Films schreitet so schnell voran wie im Galopp. In der einen Szene weint Lale beim Abschied der Lehrerin, in der anderen lachen die Schwestern am Meer, dann streiten die Mädchen aufgebracht mit der Familie, um wenig später zärtlich herumzutollen. „Die fünf Mädchen sind wie eine einzige Person, jedenfalls begreife ich sie so. Als eine Art vielarmiges weibliches Monster mit fünf Köpfen, zehn Armen und zehn Beinen. Und zu fünft bilden sie die möglichen Verzweigungen des Schicksals einer Frau ab“, beschreibt Ergüven ihre Wahrnehmung der fünf Schwestern.
Mich fasziniert die Körperlichkeit, die im Film abgebildet wird. Obwohl die Schwestern in der Pubertät ihre Sexualität entdecken, über die Größe ihrer Brüste sprechen und sich mit heimlichen Verehrern treffen, geht es eher um die liebevolle Art von Körperlichkeit, die die Mädchen untereinander zeigen. Das Thema Sexualität wird vor allem von außen auf sie übertragen, indem all ihre Handlungen als potentiell unanständig und aufreizend angesehen werden. Im Inneren jedoch ist ihr Umgang mit der Welt und mit sich selbst lediglich eine Art und Weise, ganz sie selbst zu sein. Was unterdrückt wird, ist nicht ihre potenzielle Sexualität, sondern ihre weibliche Identität.
Lale als jüngste der Mädchen äußert gegenüber ihren Schwestern schon früh den Wunsch, einfach abzuhauen. In den Augen der Älteren, die bereits mitten in der Heirat stecken, sind diese Pläne unmöglich umzusetzen. Trotzdem hält Lale daran fest. Scharfsinnig beobachtet sie, was ihren Schwestern widerfährt, und zieht daraus ihre eigenen Schlüsse.
Mit jeder Schwester, die sie an die patriarchale Struktur verliert, scheint Lale mehr Kraft zu gewinnen – so wie der Mustang bei jedem beschämenden Peitschenhieb erst recht den Antrieb hat, sich freizukämpfen. So stiehlt sich Lale immer wieder heimlich aus dem Haus und lernt mithilfe eines Freundes sogar das Autofahren.
In einem Interview erzählt die Regisseurin, dass sie in ihrer Kindheit eine ähnliche Situation erlebt hat wie die fünf Schwestern in der Eingangsszene, als sie mit den Jungen im Meer spielen. Sie selbst habe damals jedoch beschämt den Blick gesenkt und ihre Gefühle nicht geäußert. Durch den Film habe Ergüven eine Möglichkeit gefunden, ihre Stimme zu erheben: „Weil ihre älteren Schwestern alle in die Falle getappt sind, weigert sich Lale, die Jüngste, demselben Schicksal zu verfallen. Sie vereint all jene Eigenschaften, von denen ich immer geträumt habe, sie zu besitzen.“ Es ist die versteckte Stärke der Protagonistin, sich ihre Identität trotz all der Veränderungen zu bewahren und mutig für sich selbst einzustehen.
Review des Films Mustang (2015) von Deniz Gamze Ergüven
In Mustang lehnen sich fünf freiheitsliebende Schwestern gegen die alten patriarchalen Strukturen in einem ländlichen Gebiet der Türkei auf. Dabei erzählt der Film auf einfühlsame Weise die Perspektive der jüngsten Schwester Lale.
Als Kind war ich eine Zeitlang absolut fasziniert von Pferden. Ich hatte bis auf wenige Reitstunden und ein paar Reiterferien nicht viel mit Pferden zu tun, aber ihre Schönheit und Stärke hat mich von klein auf fasziniert. In einer Ferienfreizeit sahen wir uns abends den Zeichentrickfilm Spirit – der wilde Mustang aus dem Jahr 2002 an.
Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Mustangs, dem tapferen Anführer einer wilden Herde im Amerikanischen Westen des 19. Jahrhunderts, der aufgrund seiner Neugierde in die Fänge der US Army gerät. Mutig und kraftvoll wehrt sich das Tier gegen die gewaltsamen Zähmungsversuche der Menschen und kämpft sich mit Hilfe eines Indianers zurück in die Freiheit.
Ich weiß noch, wie fasziniert ich damals von der inneren Stärke des Tieres war, das sich selbst stets treu geblieben ist und in keiner der scheinbar ausweglosen Situationen aufgegeben hat. Die wild lebenden Pferde in Nordamerika mit ihrem wilden, ungestümen Charakter wurden zu meinen Lieblingstieren – denn ich wollte auch so stark und frei sein wie sie. Und obwohl es in diesem Artikel eigentlich um einen ganz anderen Film gehen soll, haben Spirit und Mustang doch mehr miteinander gemeinsam, als man denken würde.
Inhalt von Mustang: Ein Film über fünf freiheitsliebende Schwestern
In dem Film Mustang von Deniz Gamze Ergüven aus dem Jahr 2015 geht es keineswegs um Pferde, sondern um die fünf Schwestern Lale, Nur, Ece, Selma und Sonay, die bei ihrer Großmutter (Nihal Koldaş) in einer abgelegenen, ländlichen Region in der Türkei aufwachsen. Aus der Perspektive der jüngsten Schwester Lale (Güneş Şensoy) erzählt der Film von ihrem Leben in patriarchalen Strukturen, aus denen sich die fünf Mädchen freizukämpfen versuchen.
Alles beginnt damit, dass sich Lale am letzten Schultag tränenreich von ihrer Lehrerin Dilek verabschiedet, die ins etwa tausend Kilometer entfernte Istanbul zieht. Auf dem Heimweg machen Lale und ihre Schwestern einen Abstecher ans Meer, wo sie sich zusammen mit einigen Jungen eine Wasserschlacht liefern: Auf dem Nacken der Jungen sitzend, versuchen sie sich gegenseitig ins Meer zu schubsen.
Noch bevor die Schwestern ihr Wohnhaus erreichen, ist die Nachricht bei ihrer Großmutter angekommen: Eine Dorfbewohnerin hat berichtet, die Mädchen hätten sich unanständig mit ihren Schenkeln an den Jungen gerieben. Diese Situation ist der Auslöser für zahlreiche Einschränkungen, die Lale, Nur, Ece, Selma und Sonay über sich ergehen lassen müssen. Von jetzt an hindern sie erhöhte Mauern und Fenstergitter daran, das Haus zu verlassen; ihre Telefone, das Spielzeug und die bunte Kleidung werden durch Kochen, Nähen und Putzen ersetzt; und die ältesten Schwestern Selma (Tuğba Sunguroğlu) und Sonay (İlayda Akdoğan) sollen schnellstmöglich verheiratet werden.
Trotz allem schaffen es die Mädchen immer wieder, sich aus dem Gefängnis zu befreien und ihren wilden Gemütern ein wenig Auszeit von den strengen Regeln zu verschaffen – allerdings nicht, ohne auch mal erwischt zu werden. Während mit der Zeit jede der älteren Schwestern ein anderes Schicksal ereilt, träumt Lale davon, endlich vor all den Restriktionen zu fliehen und in Istanbul ein neues Leben anzufangen.
Der Mustang als Sinnbild für die Schwestern
Mich hat sehr beeindruckt, wie die fünf Schwestern und ihr Umgang miteinander im Film dargestellt werden. Dabei bleiben mir vor allem ihre dunklen, langen und unbändigen Haare in Erinnerung, die in der Sonne einen honigfarbenen Glanz haben und im Wind herumwirbeln. Genauso unbändig wie ihre Haare sind die Mädchen, wenn sie Zeit miteinander verbringen: Ihre Beine liegen verknotet ineinander und man kann kaum zuordnen, welche Gliedmaßen zu welcher Schwester gehören; ihre Stimmen rufen wild durcheinander, wenn sie lachen oder sich beschweren, weil einer der Füße im Gesicht einer anderen gelandet ist.
Schon hier beginnt der Vergleich: Die wilde Mähne des Mustangs bewegt sich schwungvoll im Wind, und in der Herde werden die vielen galoppierenden Tiere zu einem einzigen, großen Wesen. Es ist das zügellose, ungestüme Temperament, das die Schwestern auf subtile Weise mit den Eigenschaften des Mustangs verbindet. So hat es auch die Regisseurin und Drehbuchautorin Deniz Gamze Ergüven im Sinn gehabt, als sie den Film machte.
Berührender Erzählstil des Films Mustang
Auch die Handlung des Films schreitet so schnell voran wie im Galopp. In der einen Szene weint Lale beim Abschied der Lehrerin, in der anderen lachen die Schwestern am Meer, dann streiten die Mädchen aufgebracht mit der Familie, um wenig später zärtlich herumzutollen. „Die fünf Mädchen sind wie eine einzige Person, jedenfalls begreife ich sie so. Als eine Art vielarmiges weibliches Monster mit fünf Köpfen, zehn Armen und zehn Beinen. Und zu fünft bilden sie die möglichen Verzweigungen des Schicksals einer Frau ab“, beschreibt Ergüven ihre Wahrnehmung der fünf Schwestern.
Mich fasziniert die Körperlichkeit, die im Film abgebildet wird. Obwohl die Schwestern in der Pubertät ihre Sexualität entdecken, über die Größe ihrer Brüste sprechen und sich mit heimlichen Verehrern treffen, geht es eher um die liebevolle Art von Körperlichkeit, die die Mädchen untereinander zeigen. Das Thema Sexualität wird vor allem von außen auf sie übertragen, indem all ihre Handlungen als potentiell unanständig und aufreizend angesehen werden. Im Inneren jedoch ist ihr Umgang mit der Welt und mit sich selbst lediglich eine Art und Weise, ganz sie selbst zu sein. Was unterdrückt wird, ist nicht ihre potenzielle Sexualität, sondern ihre weibliche Identität.
Die unterschätzte Stärke der Jüngsten
Lale als jüngste der Mädchen äußert gegenüber ihren Schwestern schon früh den Wunsch, einfach abzuhauen. In den Augen der Älteren, die bereits mitten in der Heirat stecken, sind diese Pläne unmöglich umzusetzen. Trotzdem hält Lale daran fest. Scharfsinnig beobachtet sie, was ihren Schwestern widerfährt, und zieht daraus ihre eigenen Schlüsse. Mit jeder Schwester, die sie an die patriarchale Struktur verliert, scheint Lale mehr Kraft zu gewinnen – so wie der Mustang bei jedem beschämenden Peitschenhieb erst recht den Antrieb hat, sich freizukämpfen. So stiehlt sich Lale immer wieder heimlich aus dem Haus und lernt mithilfe eines Freundes sogar das Autofahren.
In einem Interview erzählt die Regisseurin, dass sie in ihrer Kindheit eine ähnliche Situation erlebt hat wie die fünf Schwestern in der Eingangsszene, als sie mit den Jungen im Meer spielen. Sie selbst habe damals jedoch beschämt den Blick gesenkt und ihre Gefühle nicht geäußert. Durch den Film habe Ergüven eine Möglichkeit gefunden, ihre Stimme zu erheben: „Weil ihre älteren Schwestern alle in die Falle getappt sind, weigert sich Lale, die Jüngste, demselben Schicksal zu verfallen. Sie vereint all jene Eigenschaften, von denen ich immer geträumt habe, sie zu besitzen.“ Es ist die versteckte Stärke der Protagonistin, sich ihre Identität trotz all der Veränderungen zu bewahren und mutig für sich selbst einzustehen.