Filmtipp

Before Sunrise (1995)

  • 4 Min. Lesezeit
  • 11. August 2023
  • Sonja

Filmtipp: Review zum Film Before Sunrise (1995) von Richard Linklater.

Auf der Durchreise im Zug treffen Jesse und Céline aufeinander und beschließen, in Wien auszusteigen und den Tag miteinander zu verbringen. Erfahre hier, warum der Film Before Sunrise ein zeitloser Klassiker ist.

film-before-sunrise-review-artikel-filmtipp

Vor kurzem spielte mir YouTube einen Mix von Coccolino Deep zu, der mit einem Filmzitat begann. Es handelte sich um einen kurzen Dialog zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau. Am Ende sagte die Frau:

You know, I believe if there’s any kind of God, it wouldn’t be in any of us. Not you, or me. But just this little space in between. If there’s any kind of magic in this world, it must be in the attempt of understanding someone, sharing something. I know, it’s almost impossible to succeed, but… who cares, really. The answer must be in the attempt.  

Ich erkannte in der Aufnahme die Stimme der jungen Julie Delpy, die auch auf dem Foto zum Soundtrack abgebildet war, allerdings war mir die Stimme des jungen Mannes unbekannt. Bereits dieser kurze Ausschnitt klang nach einem Dialog, dem ich gerne weiter gelauscht hätte. Was war das für ein Film?

Darum geht es in Before Sunrise

Glücklicherweise musste ich nicht lange suchen, denn der Mix war inspiriert vom Titel des Films Before Sunrise. Neben Julie Delpy, die mir schon in ihrer humoristischen Netflix-Serie On the verge (2021) gefiel, spielte Ethan Hawke die zweite Hauptrolle. Erst kürzlich habe ich über einen Ted-Talk von Ethan Hawke geschrieben, ohne bisher jedoch einen Film mit ihm gesehen zu haben. In Before Sunrise haben beide Schauspieler nicht nur die Hauptrollen übernommen, sondern auch am Drehbuch mitgewirkt. Dass es sich darüber hinaus um einen vielfach gelobten Liebesfilm aus dem Jahre 1995 handelt, hat mich sofort neugierig gemacht.

Es geht um den Amerikaner Jesse und die Französin Céline, die sich auf einer Zugfahrt begegnen, als sich Céline genervt von einem laut streitenden, österreichischen Paar wegsetzt. Jesse und Céline lesen unkonzentriert in ihren Büchern, bis sie schließlich ins Gespräch kommen. Kurz bevor Jesse aussteigen muss, kommt ihm die verrückte Idee, dass die beiden den Tag gemeinsam in Wien verbringen könnten. Und so entfaltet sich eine Handlung, in der die beiden durch Wien flanieren und miteinander reden.

Ein minimalistischer und intensiver Film

Von der ersten Sekunde an zog mich der Film in seinen Bann. Wie oft schaue ich Sitcoms oder andere Serien zum reinen Zeitvertreib und gehe währenddessen sogar ans Handy, esse mein Mittagessen oder spüle Geschirr. Nicht aber bei diesem Film. Die Begegnung der Protagonisten ist so authentisch und wunderbar spontan, dass ich selbst dieses leichte Knistern in mir spürte, das zwischen ihnen und in ihren Gesprächen entsteht.

Jesse und Céline schlendern durch Wien und unterhalten sich. Sie laufen zu bekannten Plätzen, begegnen anderen Menschen und verweilen an weniger stark besuchten Orten. Die beiden tauschen sich aus, geraten aneinander, ohne sich zu verurteilen, sie lernen sich kennen, sprechen über die Dinge, die sie beschäftigen, die ihnen wichtig sind oder die sie beobachten.

Und sie verlieben sich. Jesse und Céline selbst beschreiben ihr Erlebnis als eine Art Traumwelt, so als teilten sie beide einen Traum, in dem die Zeit, die sie zusammen haben, nur ihnen gehört. Denn keiner von ihnen dürfte eigentlich hier sein, beide hatten etwas anderes geplant, und genau das macht den Zauber ihres Erlebnisses aus. Und auch ich darf als Beobachterin daran teilhaben.

Kluge Dialoge und der Versuch des Näherkommens

Der Film sticht gerade durch seine Alltäglichkeit heraus. Die Art und Weise, wie Jesse und Céline miteinander flirten und sich langsam näherkommen, hat etwas Universelles an sich, das mich an Situationen aus meinem eigenen Leben erinnert. Gleichzeitig sind die Protagonisten im Umgang miteinander ganz sie selbst und geben intime Gedanken sowie seltsame Eigenarten preis, die ihre Individualität betonen. Sie sind ehrlich zueinander und lassen es auch zu, dass sie aneinandergeraten.

Im eingangs zitierten Filmausschnitt philosophiert Céline darüber, dass die Magie dieser Welt in dem Versuch liegt, andere Menschen zu verstehen und etwas miteinander zu teilen. Genau das ist es, was die beiden versuchen, und worin sich die Magie des Filmes entfaltet. Es ist dieser Zwischenraum, der uns Menschen seit jeher beschäftigt.

Filme wiederentdecken, die älter sind als ich selbst

Before Sunrise hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, bei der Suche nach guten Filmen einen Blick nach hinten zu wagen. Zugegeben: ich mache das nicht oft und habe den ein oder anderen Klassiker noch immer nicht gesehen. Schon im Literaturstudium war es die Gegenwartsliteratur, die mich am meisten faszinieren konnte, und genauso bin ich bei Filmen und Serien stets auf der Suche nach dem Neuen. Doch das Neue steckt oft im Alten, und selbst Goethes Werther beschreibt Gefühle, die wir Menschen noch heute empfinden. Für Before Sunrise jedenfalls spreche ich eine wärmste Empfehlung aus, gerade an diejenigen, die Liebesgeschichten mögen, im Jahr 1995 noch nicht geboren waren oder – wie ich – einfach noch nie von dem Film gehört haben.

Mein persönliches Fazit über den Film Before Sunrise

Die Protagonisten haben mich in ihr Universum hineingezogen, sodass ich komplett im Film versunken bin. Und ich gebe es nicht gerne zu, aber es ist nun mal, wie es ist: Ich liebe gute Liebesgeschichten. Ich liebe es, sie zu lesen, sie zu schauen und sie selbst zu schreiben. Als der Film zu Ende ist, denke ich neben all den anderen Empfindungen, die ich habe: Verdammt, ich will das auch. Ich will solche Geschichten schreiben können. Ich möchte Menschen die Gefühle vermitteln können, die dieser Film in mir ausgelöst hat. Noch schreibe ich nur über diese Geschichten, aber schon bald werden es meine eigenen sein.

Filmtipp

Before Sunrise (1995)

  • 11. August 2023 – 4 Min. Lesezeit

Filmtipp: Review zum Film Before Sunrise (1995) von Richard Linklater.

Auf der Durchreise im Zug treffen Jesse und Céline aufeinander und beschließen, in Wien auszusteigen und den Tag miteinander zu verbringen. Erfahre hier, warum der Film Before Sunrise ein zeitloser Klassiker ist.

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Vor kurzem spielte mir YouTube einen Mix von Coccolino Deep zu, der mit einem Filmzitat begann. Es handelte sich um einen kurzen Dialog zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau. Am Ende sagte die Frau:

You know, I believe if there’s any kind of God, it wouldn’t be in any of us. Not you, or me. But just this little space in between. If there’s any kind of magic in this world, it must be in the attempt of understanding someone, sharing something. I know, it’s almost impossible to succeed, but… who cares, really. The answer must be in the attempt.  

Ich erkannte in der Aufnahme die Stimme der jungen Julie Delpy, die auch auf dem Foto zum Soundtrack abgebildet war, allerdings war mir die Stimme des jungen Mannes unbekannt. Bereits dieser kurze Ausschnitt klang nach einem Dialog, dem ich gerne weiter gelauscht hätte. Was war das für ein Film?

Darum geht es in Before Sunrise

Glücklicherweise musste ich nicht lange suchen, denn der Mix war inspiriert vom Titel des Films Before Sunrise. Neben Julie Delpy, die mir schon in ihrer humoristischen Netflix-Serie On the verge (2021) gefiel, spielte Ethan Hawke die zweite Hauptrolle. Erst kürzlich habe ich über einen Ted-Talk von Ethan Hawke geschrieben, ohne bisher jedoch einen Film mit ihm gesehen zu haben. In Before Sunrise haben beide Schauspieler nicht nur die Hauptrollen übernommen, sondern auch am Drehbuch mitgewirkt. Dass es sich bei dem Film darüber hinaus um einen vielfach gelobten Liebesfilm aus dem Jahre 1995 handelt, hat mich sofort neugierig gemacht.

Es geht um den Amerikaner Jesse und die Französin Céline, die sich auf einer Zugfahrt begegnen, als sich Céline genervt von einem laut streitenden, österreichischen Paar wegsetzt. Jesse und Céline lesen unkonzentriert in ihren Büchern, bis sie schließlich ins Gespräch kommen. Kurz bevor Jesse aussteigen muss, kommt ihm die verrückte Idee, dass die beiden den Tag gemeinsam in Wien verbringen könnten. Und so entfaltet sich eine Handlung, in der die beiden durch Wien flanieren und miteinander reden.

 

Ein minimalistischer und intensiver Film

Von der ersten Sekunde an zog mich der Film in seinen Bann. Wie oft schaue ich Sitcoms oder andere Serien zum reinen Zeitvertreib und gehe währenddessen sogar ans Handy, esse mein Mittagessen oder spüle Geschirr. Nicht aber bei diesem Film. Die Begegnung der Protagonisten ist so authentisch und wunderbar spontan, dass ich selbst dieses leichte Knistern in mir spürte, das zwischen ihnen und in ihren Gesprächen entsteht.

Jesse und Céline schlendern durch Wien und unterhalten sich. Sie laufen zu bekannten Plätzen, begegnen anderen Menschen und verweilen an weniger stark besuchten Orten. Die beiden tauschen sich aus, geraten aneinander, ohne sich zu verurteilen, sie lernen sich kennen, sprechen über die Dinge, die sie beschäftigen, die ihnen wichtig sind oder die sie beobachten.

Und sie verlieben sich. Jesse und Céline selbst beschreiben ihr Erlebnis als eine Art Traumwelt, so als teilten sie beide einen Traum, in dem die Zeit, die sie zusammen haben, nur ihnen gehört. Denn keiner von ihnen dürfte eigentlich hier sein, beide hatten etwas anderes geplant, und genau das macht den Zauber ihres Erlebnisses aus. Und auch ich darf als Beobachterin daran teilhaben.

 

Kluge Dialoge und der Versuch des Näherkommens

Der Film sticht gerade durch seine Alltäglichkeit heraus. Die Art und Weise, wie Jesse und Céline miteinander flirten und sich langsam näherkommen, hat etwas Universelles an sich, das mich an Situationen aus meinem eigenen Leben erinnert. Gleichzeitig sind die Protagonisten im Umgang miteinander ganz sie selbst und geben intime Gedanken sowie seltsame Eigenarten preis, die ihre Individualität betonen. Sie sind ehrlich zueinander und lassen es auch zu, dass sie aneinandergeraten.

Im eingangs zitierten Filmausschnitt philosophiert Céline darüber, dass die Magie dieser Welt in dem Versuch liegt, andere Menschen zu verstehen und etwas miteinander zu teilen. Genau das ist es, was die beiden versuchen, und worin sich die Magie des Filmes entfaltet. Es ist dieser Zwischenraum, der uns Menschen seit jeher beschäftigt.

 

Filme wiederentdecken, die älter sind als ich selbst

Before Sunrise hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, bei der Suche nach guten Filmen einen Blick nach hinten zu wagen. Zugegeben: ich mache das nicht oft und habe den ein oder anderen Klassiker noch immer nicht gesehen. Schon im Literaturstudium war es die Gegenwartsliteratur, die mich am meisten faszinieren konnte, und genauso bin ich bei Filmen und Serien stets auf der Suche nach dem Neuen. Doch das Neue steckt oft im Alten, und selbst Goethes Werther beschreibt Gefühle, die wir Menschen noch heute empfinden. Für Before Sunrise jedenfalls spreche ich eine wärmste Empfehlung aus, gerade an diejenigen, die Liebesgeschichten mögen, im Jahr 1995 noch nicht geboren waren oder – wie ich – einfach noch nie von dem Film gehört haben.

 

Mein persönliches Fazit über den Film Before Sunrise

Die Protagonisten haben mich so in ihr Universum hineingezogen, dass ich komplett im Film versunken bin. Und ich gebe es nicht gerne zu, aber es ist nun mal, wie es ist: Ich liebe gute Liebesgeschichten. Ich liebe es, sie zu lesen, sie zu schauen und sie selbst zu schreiben. Als der Film zu Ende ist, denke ich neben all den anderen Empfindungen, die ich habe: Verdammt, ich will das auch. Ich will solche Geschichten schreiben können. Ich möchte Menschen die Gefühle vermitteln können, die dieser Film in mir ausgelöst hat. Noch schreibe ich nur über diese Geschichten, aber schon bald werden es meine eigenen sein.