Herbstliche Beobachtungen über die alltäglichen Dinge: „Im Herbst“
Wer auf der Suche nach passenden Büchern für den Herbst ist, der wird hier fündig. Mit viel Feinsinn und Beobachtungsgabe beschreibt Karl Ove Knausgård in seinem Buch Im Herbst (2017) seine herbstliche Außenwelt.
Es ist ein früher Herbstmorgen. Ich sitze an meinem Schreibtisch und beobachte, wie sich der Tag langsam über die Welt stülpt. Der große Ahorn vor meinem Fenster lässt mich staunen: Ganz oben in der Baumkrone haben sich die Blätter tiefrot, fast pink gefärbt und gehen von dort aus in ein kräftig-bräunliches Orange über. An den ausladenden Ästen weiter unten ist das noch sommerliche Grün gespickt von strahlend gelben Fächern, die nur darauf warten, in der Sonne zu leuchten. Mit zunehmendem Tageslicht werden auch die Farben intensiver.
Die Sonne steht nun tiefer als sonst. Der Himmel kämpft um seinen Azur, schafft es jedoch nur zu einem milchigen Pastellblau. Der Herbst bildet eine tiefe Wärme, die an den Sommer erinnert, und kann zugleich so frostig sein, dass man meint, es schneie bald. Die Natur drängt uns ihren schönen Lärm auf, wenn der Regen gegen das Fenster prasselt und der Wind in den Baumkronen spielt. Und unter meinen Füßen raschelt das Laub, während die Blaumeisen, Rotkehlchen und Elstern im Park nach Futter suchen.
In seinem Buch Im Herbst (2017) zeigt Karl Ove Knausgård, dass auch in der Säure von Äpfeln, im Dunst von Benzin und in der Form von Knöpfen der Herbst verborgen liegt. Im Herbst ist Teil einer Jahreszeiten-Tetralogie, in der Knausgård alltägliche Gegenstände, Tiere und Phänomene in eigenen Worten beschreibt. Es handelt sich um kurze, gesammelte Texte, in denen die autobiographischen Bezüge anders zum Vorschein kommen als in Knausgårds erfolgreichstem Werk Min Kamp (auf Deutsch Bd. 1: Sterben), das stark autofiktional geprägt ist.
Zwischen den Alltagsdingen finden sich im Jahreszeiten-Band Im Herbst jedoch auch persönliche Briefe des Autors an seine ungeborene Tochter sowie Bilder der Künstlerin Vanessa Baird. Insgesamt kann man das Buch als eine Art kleine, persönliche Enzyklopädie bezeichnen, die von dem Überthema Herbst zusammengehalten wird.
Da Im Herbst eher eine Textsammlung ist, war ich zunächst skeptisch. In der Regel habe ich Schwierigkeiten, mich in solche Bücher einzufinden, da man sie nur schwer in einem Rutsch lesen kann. Auch beim Lesen dieser Sammlung stellte ich fest, dass ich nach jedem Kapitel eine kurze Lesepause machte und zunächst meine Gedanken schweifen ließ, bevor ich weiterlesen konnte. Dennoch liegt gerade hier der Zauber des Buches: Es regt dazu an, über die Gedanken des Autors und meinen Bezug zu den Dingen nachzudenken. Nach einiger Zeit habe ich mich daran gewöhnt, etwas langsamer zu lesen, sodass mich das Buch insgesamt anderthalb Wochen durch den September begleitete.
Obwohl nicht alle Dinge im Buch einen direkten Bezug zum Herbst haben, schwebt eine grundlegende Stimmung über den Texten, die das besondere Gefühl dieser Jahreszeit vermittelt. Im Nachhinein gefällt es mir umso besser, dass der Herbst nicht der Protagonist der Sammlung ist, sondern vielmehr ein konstanter Begleiter im Alltag des Schriftstellers. Auf diese Weise kann ich das Leben eine Zeitlang von außen betrachten.
In einem Interview sagt Karl Ove Knausgård, dass er sich beim Schreiben dieser kurzen Texte ganz bewusst der äußeren Welt gewidmet hat. Nach der tiefen Introspektion in Min Kamp war dies ein Weg, wieder zum Schreiben und zu innerem Frieden zurückzufinden. Dennoch fehlt es auch in diesem Werk nicht an interessanten Beobachtungen, die melancholisch wie humorvoll sein können und dabei das ein oder andere persönliche Detail preisgeben. So muss ich schmunzeln, als der Autor Folgendes über Kaugummis berichtet:
Mein Schreibtisch ist bis heute stets voller alter Kaugummis, die mit ihrer grauen Farbe, der Hemisphärenform und den vielen kleinen Vertiefungen verschrumpelten Gehirnen gleichen. Ohne sie kann ich nicht schreiben, und ich werfe sie erst weg, wenn die körnige Phase eingesetzt hat.
Die Beschreibung eines solchen Arbeitsplatzes, der übersät von alten Kaugummis ist, gäbe eine tolle Ergänzung für das Buch „Schreibwelten“ ab, über das ich vor Kurzem auf dem Blog berichtet habe. Da sind sie wieder – die kleinen, ulkigen Angewohnheiten der Schriftsteller. Doch Herr Knausgård ist nicht allein: Auch meine Mutter legte früher ihre Kaugummis zeitweise weg, um sie später weiterzukauen. Das kam mir als Kind überaus seltsam vor.
Das Buch Im Herbst zeigt, dass die äußere Welt stets mit unseren individuellen Erfahrungen und Gedanken verknüpft ist – egal, wie objektiv man sie zu betrachten versucht. Genau deshalb ist es lesenswert: Trotz des Versuchs, die Beschaffenheit von Zähnen möglichst analytisch wiederzugeben, enthüllen die Texte vor allem den individuellen Blick eines Menschen, der die Welt in all ihren Schichten wahrnimmt und aufschreibt. So rumort im Hintergrund der Texte stets das bunte Treiben seiner Familie und das Blühen und Eingehen der Bäume im Garten. Die Beschreibung von Erbrochenem ist dabei so unangenehm wie alltäglich und gewinnt erst neben Konservendosen, Bienenzucht und Laub an literarischem Zauber.
Somit ist Im Herbst von Karl Ove Knausgård der perfekte Begleiter für die bunte Übergangszeit. Da das Buch durch die Überschriften September, Oktober und November in drei Teile aufgeteilt ist, bietet es sich an, das Lesen langsam und genüsslich auf die Herbstmonate aufzuteilen. Dadurch wird die Kurzprosa zu saftigen Äpfeln, die nach und nach zu Boden fallen, um schließlich aufgesammelt und verspeist zu werden.
Herbstliche Beobachtungen über die alltäglichen Dinge: „Im Herbst“
Wer auf der Suche nach passenden Büchern für den Herbst ist, der wird hier fündig. Mit viel Feinsinn und Beobachtungsgabe beschreibt Karl Ove Knausgård in seinem Buch Im Herbst (2017) seine herbstliche Außenwelt.
Es ist ein früher Herbstmorgen. Ich sitze an meinem Schreibtisch und beobachte, wie sich der Tag langsam über die Welt stülpt. Der große Ahorn vor meinem Fenster lässt mich staunen: Ganz oben in der Baumkrone haben sich die Blätter tiefrot, fast pink gefärbt und gehen von dort aus in ein kräftig-bräunliches Orange über. An den ausladenden Ästen weiter unten ist das noch sommerliche Grün gespickt von strahlend gelben Fächern, die nur darauf warten, in der Sonne zu leuchten. Mit zunehmendem Tageslicht werden auch die Farben intensiver.
Die Sonne steht nun tiefer als sonst. Der Himmel kämpft um seinen Azur, schafft es jedoch nur zu einem milchigen Pastellblau. Der Herbst bildet eine tiefe Wärme, die an den Sommer erinnert, und kann zugleich so frostig sein, dass man meint, es schneie bald. Die Natur drängt uns ihren schönen Lärm auf, wenn der Regen gegen das Fenster prasselt und der Wind in den Baumkronen spielt. Und unter meinen Füßen raschelt das Laub, während die Blaumeisen, Rotkehlchen und Elstern im Park nach Futter suchen.
Mehr als bunte Blätter: Inhalt von Karl Ove Knausgårds „Im Herbst“
In seinem Buch Im Herbst (2017) zeigt Karl Ove Knausgård, dass auch in der Säure von Äpfeln, im Dunst von Benzin und in der Form von Knöpfen der Herbst verborgen liegt. Im Herbst ist Teil einer Jahreszeiten-Tetralogie, in der Knausgård alltägliche Gegenstände, Tiere und Phänomene in eigenen Worten beschreibt. Es handelt sich um kurze, gesammelte Texte, in denen die autobiographischen Bezüge anders zum Vorschein kommen als in Knausgårds erfolgreichstem Werk Min Kamp (auf Deutsch Bd. 1: Sterben), das stark autofiktional geprägt ist.
Zwischen den Alltagsdingen finden sich im Jahreszeiten-Band Im Herbst jedoch auch persönliche Briefe des Autors an seine ungeborene Tochter sowie Bilder der Künstlerin Vanessa Baird. Insgesamt kann man das Buch als eine Art kleine, persönliche Enzyklopädie bezeichnen, die von dem Überthema Herbst zusammengehalten wird.
Ein schönes Buch für den Herbst
Da Im Herbst eher eine Textsammlung ist, war ich zunächst skeptisch. In der Regel habe ich Schwierigkeiten, mich in solche Bücher einzufinden, da man sie nur schwer in einem Rutsch lesen kann. Auch beim Lesen dieser Sammlung stellte ich fest, dass ich nach jedem Kapitel eine kurze Lesepause machte und zunächst meine Gedanken schweifen ließ, bevor ich weiterlesen konnte. Dennoch liegt gerade hier der Zauber des Buches: Es regt dazu an, über die Gedanken des Autors und meinen Bezug zu den Dingen nachzudenken. Nach einiger Zeit habe ich mich daran gewöhnt, etwas langsamer zu lesen, sodass mich das Buch insgesamt anderthalb Wochen durch den September begleitete.
Obwohl nicht alle Dinge im Buch einen direkten Bezug zum Herbst haben, schwebt eine grundlegende Stimmung über den Texten, die das besondere Gefühl dieser Jahreszeit vermittelt. Im Nachhinein gefällt es mir umso besser, dass der Herbst nicht der Protagonist der Sammlung ist, sondern viel mehr ein konstanter Begleiter im Alltag des Schriftstellers. Auf diese Weise kann ich das Leben eine Zeitlang von außen betrachten.
Persönliche Beschreibung der Außenwelt: Im Herbst
In einem Interview sagt Karl Ove Knausgård, dass er sich beim Schreiben dieser kurzen Texte ganz bewusst der äußeren Welt gewidmet hat. Nach der tiefen Introspektion in Min Kamp war dies ein Weg, wieder zum Schreiben und zu innerem Frieden zurückzufinden. Dennoch fehlt es auch in diesem Werk nicht an interessanten Beobachtungen, die melancholisch wie humorvoll sein können und dabei das ein oder andere persönliche Detail preisgeben. So muss ich schmunzeln, als der Autor Folgendes über Kaugummis berichtet:
Mein Schreibtisch ist bis heute stets voller alter Kaugummis, die mit ihrer grauen Farbe, der Hemisphärenform und den vielen kleinen Vertiefungen verschrumpelten Gehirnen gleichen. Ohne sie kann ich nicht schreiben, und ich werfe sie erst weg, wenn die körnige Phase eingesetzt hat.
Die Beschreibung eines solchen Arbeitsplatzes, der übersät von alten Kaugummis ist, gäbe eine tolle Ergänzung für das Buch „Schreibwelten“ ab, über das ich vor Kurzem auf dem Blog berichtet habe. Da sind sie wieder – die kleinen, ulkigen Angewohnheiten der Schriftsteller. Doch Herr Knausgård ist nicht allein: Auch meine Mutter legte früher ihre Kaugummis zeitweise weg, um sie später weiterzukauen. Das kam mir als Kind überaus seltsam vor.
Der Schreibstil des norwegischen Schriftstellers
Das Buch Im Herbst zeigt, dass die äußere Welt stets mit unseren individuellen Erfahrungen und Gedanken verknüpft ist – egal, wie objektiv man sie zu betrachten versucht. Genau deshalb ist es lesenswert: Trotz des Versuchs, die Beschaffenheit von Zähnen möglichst analytisch wiederzugeben, enthüllen die Texte vor allem den individuellen Blick eines Menschen, der die Welt in all ihren Schichten wahrnimmt und aufschreibt. So rumort im Hintergrund der Texte stets das bunte Treiben seiner Familie und das Blühen und Eingehen der Bäume im Garten. Die Beschreibung von Erbrochenem ist dabei so unangenehm wie alltäglich und gewinnt erst neben Konservendosen, Bienenzucht und Laub an literarischem Zauber.
Somit ist Im Herbst von Karl Ove Knausgård der perfekte Begleiter für die bunte Übergangszeit. Da das Buch durch die Überschriften September, Oktober und November in drei Teile aufgeteilt ist, bietet es sich an, das Lesen langsam und genüsslich auf die Herbstmonate aufzuteilen. Dadurch wird die Kurzprosa zu saftigen Äpfeln, die nach und nach zu Boden fallen, um schließlich aufgesammelt und verspeist zu werden.