Die Vorbilder und das Schreiben
Ich war nie der Typ, der irgendwelchen Stars nacheiferte oder Menschen auf ein Podest stellte. Ehrlich gesagt dachte ich immer: „Nö, ich habe keine Vorbilder!“ Doch heute frage ich mich, ob das eigentlich stimmt. Habe ich wirklich keine Vorbilder? Nicht mal beim Schreiben?

Ich spüre, wie bei dem Wort „Vorbild“ eine Trotzreaktion in mir hochkriecht, irgendwie kratzig und dunkel. Also versuche ich, anders darüber nachzudenken. Denn was wäre, wenn ich Vorbilder im ganz wörtlichen Sinne verstehe? Als Bilder, die man vor Augen hat. Vor-Bilder sozusagen.
Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir schon mehr ein. Was also sind diese Vor-Bilder, die mich durchs Leben tragen? Die mich immer wieder dazu bringen, weiterzuschreiben und niemals aufzugeben?
Meine wohl schönsten Vor-Bilder sind jene, die ich vor Augen habe, wenn ich an meinem Roman schreibe. Oder vielmehr: wenn ich über den Roman nachdenke. Meistens höre ich dabei Musik und mache etwas Alltägliches, wie Geschirr spülen, spazieren gehen oder in der Bahn aus dem Fenster sehen. Wenn ich nach einem anstrengenden Tag nach Hause fahre, gibt es nichts Erholsameres, als mich in den Bildern meiner Geschichte zu verlieren, darüber zu fantasieren, was mein Protagonist empfindet und was als nächstes passieren könnte.
Diese Vor-Bilder sind die Voraussetzung dafür, um überhaupt schreiben zu können. Sie tragen mich durch glückliche Zeiten oder durch solche, in denen es mir schlecht geht. Denn zumindest kann ich mit meinem Protagonisten diese Gefühle teilen. Die inneren Bilder geben mir Kraft.
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Aber was bringt mich nun dazu, diese Vorstellungen in eine strukturierte Geschichte zu verwandeln, mit Spannungsbogen und allem Drum und Dran? Wie schaffe ich es, zweieinhalb Jahre lang dranzubleiben?
„Verwechsle den Autor niemals mit seinen Figuren“ – das gilt jedenfalls meistens. Klar, in jeder meiner Figuren steckt gewissermaßen auch ein Teil von mir selbst. Doch viel spannender finde ich, dass ich meine Protagonisten mit Eigenschaften ausstatte, die mir selbst fehlen. So faszinieren mich in meinem aktuellen Projekt vor allem die Risikobereitschaft und die völlig andere Lebenswelt meines Protagonisten. In diesen Eigenschaften ist die Figur vielleicht auch meine Vorbild.
Dass ich beim Schreiben das Leben durch die Augen meiner Protagonisten miterleben darf und ihren Weg schon bildlich vor mir sehe… das treibt mich an. Egal, wie groß meine Zweifel sind. Es bleibt der Wunsch, diese Bilder festzuhalten – und zwar bis zum Ende.
Ein Ziel vor Augen zu haben, das Ende der Geschichte schon vor sich zu sehen – das gilt nicht nur für meine Figuren, sondern auch für mich selbst. Es sind die anderen Vor-Bilder… die von meinem zukünftigen Leben, von der Person, die ich einmal sein will.
Flirrende Bilder sind das, Momentaufnahmen. Ich an einem neuen Ort, mit Blick in die Natur. Ich, meinen veröffentlichten Roman als gedrucktes Buch in den Händen. Dann gibt’s noch die Vielleicht-Vorbilder. Ich mit Familie? Ich, die endlich weniger gegen sich selbst kämpft? Auf jeden Fall ist da mehr innere Ruhe. Und ein erfrischender Wind, der mir über das Gesicht weht.
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Während ich so über all die Arten von Vor-Bildern nachdenke, lande ich schließlich wieder beim klassischen Sinn des Wortes. Es gibt sie wohl trotzdem, die menschlichen Vorbilder – auch in meinem Leben. Erst allmählich verstehe ich, was sie bedeuten.
Denn es geht gar nicht darum, jemanden auf ein Podest zu stellen. Sondern eher um die kleinen, bestimmten Eigenschaften, die ich ja auch an meinen Romanfiguren so schätze.
Mein Partner kommt mir in den Sinn, mit seinem unverbesserlichen Optimismus und der Fähigkeit, an jedem Tag etwas zu finden, über das er sich freuen kann – und sei es nur, mal nicht im Stau zu stehen, frühmorgens ein frisches Schokocroissant zu ergattern oder die perfekte Armbanduhr zu finden. Ich denke an eine Freundin, die so viel pragmatischer ist als ich, und die diese innere Stärke hat, auch mal gemeinsames Schweigen auszuhalten. Und dann ist da noch der Schriftsteller, dessen Schreibstil ich bewundere, weil er mich immer wieder dazu inspiriert, besser zu werden.
Jemand hat mal zu mir gesagt: Um sich ein gesundes Umfeld zu bauen, darf man die Menschen um sich herum auch mal wie einen Werkzeugkasten betrachten. Nicht jeder ist für alles da – aber jeder trägt etwas Wertvolles bei.
So ist es vielleicht auch bei den Vorbildern.

Dieser Text ist im Rahmen der Blognacht von Anna Koschinski entstanden. Wenn du selbst teilnehmen möchtest oder dich für andere Texte zum Thema interessierst, dann klicke hier!
Die Vorbilder und das Schreiben
Ich war nie der Typ, der irgendwelchen Stars nacheiferte oder Menschen auf ein Podest stellte. Ehrlich gesagt dachte ich immer: „Nö, ich habe keine Vorbilder!“ Doch heute frage ich mich, ob das eigentlich stimmt. Habe ich wirklich keine Vorbilder? Nicht mal beim Schreiben?

Ich spüre, wie bei dem Wort „Vorbild“ eine Trotzreaktion in mir hochkriecht, irgendwie kratzig und dunkel. Also versuche ich, anders darüber nachzudenken. Denn was wäre, wenn ich Vorbilder im ganz wörtlichen Sinne verstehe? Als Bilder, die man vor Augen hat. Vor-Bilder sozusagen.
Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir schon mehr ein. Was also sind diese Vor-Bilder, die mich durchs Leben tragen? Die mich immer wieder dazu bringen, weiterzuschreiben und niemals aufzugeben?
Meine wohl schönsten Vor-Bilder sind jene, die ich vor Augen habe, wenn ich an meinem Roman schreibe. Oder vielmehr: wenn ich über den Roman nachdenke. Meistens höre ich dabei Musik und mache etwas Alltägliches, wie Geschirr spülen, spazieren gehen oder in der Bahn aus dem Fenster sehen. Wenn ich nach einem anstrengenden Tag nach Hause fahre, gibt es nichts Erholsameres, als mich in den Bildern meiner Geschichte zu verlieren, darüber zu fantasieren, was mein Protagonist empfindet und was als nächstes passieren könnte.
Diese Vor-Bilder sind die Voraussetzung dafür, um überhaupt schreiben zu können. Sie tragen mich durch glückliche Zeiten oder durch solche, in denen es mir schlecht geht. Denn zumindest kann ich mit meinem Protagonisten diese Gefühle teilen. Die inneren Bilder geben mir Kraft.
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Aber was bringt mich nun dazu, diese Vorstellungen in eine strukturierte Geschichte zu verwandeln, mit Spannungsbogen und allem Drum und Dran? Wie schaffe ich es, zweieinhalb Jahre lang dranzubleiben?
„Verwechsle den Autor niemals mit seinen Figuren“ – das gilt jedenfalls meistens. Klar, in jeder meiner Figuren steckt gewissermaßen auch ein Teil von mir selbst. Doch viel spannender finde ich, dass ich meine Protagonisten mit Eigenschaften ausstatte, die mir selbst fehlen. So faszinieren mich in meinem aktuellen Projekt vor allem die Risikobereitschaft und die völlig andere Lebenswelt meines Protagonisten. In diesen Eigenschaften ist die Figur vielleicht auch meine Vorbild.
Dass ich beim Schreiben das Leben durch die Augen meiner Protagonisten miterleben darf und ihren Weg schon bildlich vor mir sehe… das treibt mich an. Egal, wie groß meine Zweifel sind. Es bleibt der Wunsch, diese Bilder festzuhalten – und zwar bis zum Ende.
Ein Ziel vor Augen zu haben, das Ende der Geschichte schon vor sich zu sehen – das gilt nicht nur für meine Figuren, sondern auch für mich selbst. Es sind die anderen Vor-Bilder… die von meinem zukünftigen Leben, von der Person, die ich einmal sein will.
Flirrende Bilder sind das, Momentaufnahmen. Ich an einem neuen Ort, mit Blick in die Natur. Ich, meinen veröffentlichten Roman als gedrucktes Buch in den Händen. Dann gibt’s noch die Vielleicht-Vorbilder. Ich mit Familie? Ich, die endlich weniger gegen sich selbst kämpft? Auf jeden Fall ist da mehr innere Ruhe. Und ein erfrischender Wind, der mir über das Gesicht weht.
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Während ich so über all die Arten von Vor-Bildern nachdenke, lande ich schließlich wieder beim klassischen Sinn des Wortes. Es gibt sie wohl trotzdem, die menschlichen Vorbilder – auch in meinem Leben. Erst allmählich verstehe ich, was sie bedeuten.
Denn es geht gar nicht darum, jemanden auf ein Podest zu stellen. Sondern eher um die kleinen, bestimmten Eigenschaften, die ich ja auch an meinen Romanfiguren so schätze.
Mein Partner kommt mir in den Sinn, mit seinem unverbesserlichen Optimismus und der Fähigkeit, an jedem Tag etwas zu finden, über das er sich freuen kann – und sei es nur, mal nicht im Stau zu stehen, frühmorgens ein frisches Schokocroissant zu ergattern oder die perfekte Armbanduhr zu finden. Ich denke an eine Freundin, die so viel pragmatischer ist als ich, und die diese innere Stärke hat, auch mal gemeinsames Schweigen auszuhalten. Und dann ist da noch der Schriftsteller, dessen Schreibstil ich bewundere, weil er mich immer wieder dazu inspiriert, besser zu werden.
Jemand hat mal zu mir gesagt: Um sich ein gesundes Umfeld zu bauen, darf man die Menschen um sich herum auch mal wie einen Werkzeugkasten betrachten. Nicht jeder ist für alles da – aber jeder trägt etwas Wertvolles bei.
So ist es vielleicht auch bei den Vorbildern.

Dieser Text ist im Rahmen der Blognacht von Anna Koschinski entstanden. Wenn du selbst teilnehmen möchtest oder dich für andere Texte zum Thema interessierst, dann klicke hier!
