Ein Essay fürs Herz: Zuhause von Daniel Schreiber

Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen
  • 4 Min. Lesezeit
  • 18. Januar 2026
  • Sonja

Ein Essay über die vielleicht wichtigste Frage: Was ist unser Zuhause?

Ganz unverhofft begleitet mich ein Text durch die Höhen und Tiefen meines Lebens: In seinem Essay widmet sich Daniel Schreiber dem Zuhause in all seinen Facetten. 

Es ist später Nachmittag und die Sonne geht bereits unter. Die Luft wirkt blau gedämpft, dichte Schneeflocken hängen über der Welt. In meiner Mittagspause beschließe ich, noch ein wenig ziellos durch die Straßen zu streifen, und als ich nach nur wenigen Minuten an mir heruntersehe, entdecke ich unzählige schmelzende Schneeflocken auf meiner Winterjacke. Ich bin fast ganz weiß.

Ich könnte umkehren oder mich kurz irgendwo unterstellen – zum Beispiel in der Buchhandlung um die Ecke. Mein Kopf ist seltsam klar, und ausnahmsweise denke ich über nichts nach. Vielleicht ist das so, wenn man den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzt, vielleicht bleibt dann nichts mehr übrig. Oder es ist der Schnee, der macht, dass sich mein Geist öffnet für die Eindrücke von außen. Alles ist so scharf und kalt.

Ein bisschen bringe ich dieses Gefühl in die trockene Wärme der Buchhandlung mit, wo ich wie immer herzlich begrüßt werde. Beim Stöbern entdecke ich ein Buch, das ich nicht lange in der Hand halten muss, um mich zu entscheiden. Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen.

Ein Thema mit vielen Facetten

Zuhause. Ein Schlüsselwort, das in den letzten drei Monaten so oft in meinem Kopf kreiste. „Ich will nach Hause“, habe ich immer wieder gesagt. „Kannst du mich nicht einfach nach Hause bringen?“ Ich war so klein und verletzlich, und wahrscheinlich bin ich es noch immer.

Es ist der zweite Januar 2026, ein Freitag. Bei meinem Abstecher in die Buchhandlung habe ich zwei Bücher gekauft und in meinen Rucksack fallen lassen. Ich gehe zurück ins Büro und arbeite noch ein paar entspannte Stunden. Dann mache ich mich auf den Weg nach Hause, und noch während ich in der Bahn sitze, beginne ich zu lesen. Ich tauche in die Gedankenwelt von Daniel Schreiber ein, in die Geschichte seiner Familie, in die Überlegungen und Zitate darüber, was ein Zuhause eigentlich ist, was es bedeutet und womit es zusammenhängt.

Von Kapitel zu Kapitel legt Schreiber die verschiedenen Aspekte des Wortes offen und verwebt sie gekonnt mit seiner Biografie, in der er immer wieder auch vor einem Zuhause geflohen ist. So nennt er etwa die Stadt New York, in der er lange Zeit gelebt hat, ein „zuhauseloses Zuhause“. Während ich in die ersten Kapitel hineinlese, tauche ich immer tiefer in den Essay ein.

Übers Gestalten und Ankommen

Im Nachhinein betrachtet, ist es gar kein Zufall, dass ich am nächsten Morgen frustriert aufwache mit dem Gedanken, dass sich etwas ändern muss: Ich brauche endlich ein Zuhause. So wie es jetzt ist, in dieser schrecklichen Übergangsphase, in der mich alles quält und ich mich rastlos fühle, in der mir so sehr ein fester Rückzugsort fehlt – so kann es nicht mehr weiter gehen. Ich habe mich lange genug gegen diesen Ort gewehrt. Also sage ich mir, dass ich ja nur damit anfangen muss, eine Wand neu zu streichen. Vielleicht ein paar Möbel umzustellen.

Man hat es immer auch selbst in der Hand, sich zumindest der Möglichkeit zu öffnen, [einen] Ort zu einem richtigen Zuhause zu machen – indem man die Bereitschaft aufbringt, diesen Ort unvoreingenommen von all seinen Seiten kennenzulernen, und indem man sich ein Leben an diesem Ort aufbaut, vor dem man nicht mehr wegläuft, ein Leben, dem man sich tatsächlich stellt. […] Mit dem inneren Wissen, dass alle Dinge ihre Zeit haben und ihre Zeit brauchen, dass alles sich früher oder später verändert, dass es – auch wenn man sich fühlt, als würde der Winter nie aufhören – irgendwann wieder Frühling wird. Vielleicht. 

– Daniel Schreiber: Zuhause (S. 122)

Ohne dass ich mir dessen bewusst bin, begleitet mich der Essay durch die Zeit eines kleinen Umbruchs. Wie der Autor in seiner Danksagung schreibt, erfordert das Thema eine viel tiefere Auseinandersetzung, als man zunächst glauben möchte. Es gibt bestimmte Orte, an denen wir uns Zuhause fühlen, Geschichten, die wir uns erzählen oder noch von unseren Vorfahren in uns tragen, es gibt Übergangssituationen und Scheinheimat, und oft ist es nicht zwingend ein Ort, der ein Zuhause wirklich ausmacht, sondern das Wohnen, das Gestalten.

Ein Zuhause ist alles, was wir uns selbst gestalten, wo wir innere wie äußere Arbeit vornehmen, wo wir vielleicht stundenlange Spaziergänge machen und die Gegend erkunden mit all ihren mehr oder weniger vertrauten Gesichtern und Häuserfassaden.

Und wer erst einmal ein Zuhause gefunden hat, wird sich nicht so schnell davon lösen können.

[Umzüge] sind inzwischen so sehr Bestandteil unseres Alltags und unserer Vorstellung vom Leben, dass wir ganz vergessen, wie schwer diese Umzüge vielen von uns fallen, dass die meisten Menschen Monate, wenn nicht Jahre brauchen, um an einem neuen Ort wirklich anzukommen, um sich zurechtzufinden und einen eigenen Alltag zu entwickeln. 

– Daniel Schreiber: Zuhause (S. 97)

Letztendlich beleuchtet der Autor vor allem einen Aspekt, über den auch ich zuletzt viel nachgedacht habe: Die Notwendigkeit eines inneren Zuhauses. 

Ein wundervolles Buch, das man – wie im Klappentext versprochen – tatsächlich mit klopfendem Herzen liest.

Review

Zuhause von Daniel Schreiber

  • 18. Januar 2026 – 4 Min. Lesezeit

Es ist später Nachmittag und die Sonne geht bereits unter. Die Luft wirkt blau gedämpft, dichte Schneeflocken hängen über der Welt. In meiner Mittagspause beschließe ich, noch ein wenig ziellos durch die Straßen zu streifen, und als ich nach nur wenigen Minuten an mir heruntersehe, entdecke ich unzählige schmelzende Schneeflocken auf meiner Winterjacke. Ich bin fast ganz weiß.

Ich könnte umkehren oder mich kurz irgendwo unterstellen – zum Beispiel in der Buchhandlung um die Ecke. Mein Kopf ist seltsam klar, und ausnahmsweise denke ich über nichts nach. Vielleicht ist das so, wenn man den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzt, vielleicht bleibt dann nichts mehr übrig. Oder es ist der Schnee, der macht, dass sich mein Geist öffnet für die Eindrücke von außen. Alles ist so scharf und kalt.

Ein bisschen bringe ich dieses Gefühl in die trockene Wärme der Buchhandlung mit, wo ich wie immer herzlich begrüßt werde. Beim Stöbern entdecke ich ein Buch, das ich nicht lange in der Hand halten muss, um mich zu entscheiden. Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen.

Ein Thema mit vielen Facetten

Zuhause. Ein Schlüsselwort, das in den letzten drei Monaten so oft in meinem Kopf kreiste. „Ich will nach Hause“, habe ich immer wieder gesagt. „Kannst du mich nicht einfach nach Hause bringen?“ Ich war so klein und verletzlich, und wahrscheinlich bin ich es noch immer.

Es ist der zweite Januar 2026, ein Freitag. Bei meinem Abstecher in die Buchhandlung habe ich zwei Bücher gekauft und in meinen Rucksack fallen lassen. Ich gehe zurück ins Büro und arbeite noch ein paar entspannte Stunden. Dann mache ich mich auf den Weg nach Hause, und noch während ich in der Bahn sitze, beginne ich zu lesen. Ich tauche in die Gedankenwelt von Daniel Schreiber ein, in die Geschichte seiner Familie, in die Überlegungen und Zitate darüber, was ein Zuhause eigentlich ist, was es bedeutet und womit es zusammenhängt.

Von Kapitel zu Kapitel legt Schreiber die verschiedenen Aspekte des Wortes offen und verwebt sie gekonnt mit seiner Biografie, in der er immer wieder auch vor einem Zuhause geflohen ist. So nennt er etwa die Stadt New York, in der er lange Zeit gelebt hat, ein „zuhauseloses Zuhause“. Während ich in die ersten Kapitel hineinlese, tauche ich immer tiefer in den Essay ein.

Übers Gestalten und Ankommen

Im Nachhinein betrachtet, ist es gar kein Zufall, dass ich am nächsten Morgen frustriert aufwache mit dem Gedanken, dass sich etwas ändern muss: Ich brauche endlich ein Zuhause. So wie es jetzt ist, in dieser schrecklichen Übergangsphase, in der mich alles quält und ich mich rastlos fühle, in der mir so sehr ein fester Rückzugsort fehlt – so kann es nicht mehr weiter gehen. Ich habe mich lange genug gegen diesen Ort gewehrt. Also sage ich mir, dass ich ja nur damit anfangen muss, eine Wand neu zu streichen. Vielleicht ein paar Möbel umzustellen.

 

„Man hat es immer auch selbst in der Hand, sich zumindest der Möglichkeit zu öffnen, diesen Ort zu einem richtigen Zuhause zu machen – indem man die Bereitschaft aufbringt, diesen Ort unvoreingenommen von all seinen Seiten kennenzulernen, und indem man sich ein Leben an diesem Ort aufbaut, vor dem man nicht mehr wegläuft, ein Leben, dem man sich tatsächlich stellt. […] Mit dem inneren Wissen, dass alle Dinge ihre Zeit haben und ihre Zeit brauchen, dass alles sich früher oder später verändert, dass es – auch wenn man sich fühlt, als würde der Winter nie aufhören – irgendwann wieder Frühling wird. Vielleicht.“ (S.122)

 

Ohne dass ich mir dessen bewusst bin, begleitet mich der Essay durch die Zeit eines kleinen Umbruchs. Wie der Autor in seiner Danksagung schreibt, erfordert das Thema Zuhause eine viel tiefere Auseinandersetzung, als man zunächst glauben möchte. Es gibt bestimmte Orte, an denen wir uns Zuhause fühlen, Geschichten, die wir uns erzählen oder noch von unseren Vorfahren in uns tragen, es gibt Übergangssituationen und Scheinheimat, und oft ist es nicht zwingend ein Ort, der ein Zuhause wirklich ausmacht, sondern das Wohnen, das Gestalten.

Ein Zuhause ist alles, was wir uns selbst gestalten, wo wir innere wie äußere Arbeit vornehmen, wo wir vielleicht stundenlange Spaziergänge machen und die Gegend erkunden mit all ihren mehr oder weniger vertrauten Gesichtern und Häuserfassaden.

Und wer erst einmal ein Zuhause gefunden hat, wird sich nicht so schnell davon lösen können.

 

„[Umzüge] sind inzwischen so sehr Bestandteil unseres Alltags und unserer Vorstellung vom Leben, dass wir ganz vergessen, wie schwer diese Umzüge vielen von uns fallen, dass die meisten Menschen Monate, wenn nicht Jahre brauchen, um an einem neuen Ort wirklich anzukommen, um sich zurechtzufinden und einen eigenen Alltag zu entwickeln.“ (S. 97)

 

Letztendlich beleuchtet Daniel Schreiber vor allem einen Aspekt, über den auch ich zuletzt viel nachgedacht habe: Die Notwendigkeit eines inneren Zuhauses. 

Ein wundervolles Buch, das man – wie im Klappentext versprochen – tatsächlich mit klopfendem Herzen liest.