Heimweh

  • 8. Januar 2026
  • Sonja

Ich schließe die Augen und sehe alles so deutlich vor mir, dass es schmerzt. Das Rauschen des Windes in den Blättern, die sanfte Wellenbewegung im Grün, dahinter ein blauer Himmel mit Wolkenfaden. Vielleicht fröstele ich, während ich im dritten Stock am Balkongeländer lehne und hinabschaue. Auf das breite Garagendach, das mit einer dicken Moosschicht bedeckt ist. Hier springen zu jeder Jahreszeit die Eichhörnchen herum. Die Balkone der anderen Häuser, rechts die weißen Fassaden, auf die schon morgens vom Osten her die Sonne knallt, bis sie sich später verschiebt und meinen Balkon berührt, wo ich im Winter so oft gesessen habe, nah an der null und trotzdem warm. Links jene Balkone, die im Schatten bleiben, versteckt hinter den Ästen des Ahorns. Und dann: mein Verlustschmerz.

Die Erinnerung ist so klar, dass ich nicht fassen kann, nicht mehr dort zu sein. Zuhause.

 

Ich lese ein Buch, das so heißt. Genauer gesagt einen Essay. Zuhause von Daniel Schreiber. Währenddessen schreibe ich parallel meinen eigenen, im Kopf, denn immer wieder laufe ich durch meine Wohnung. Ich sehe das wassergrüne Sofa gegenüber, einen Haufen von Kleidung darauf, während ich einschlafe, dann wieder zurück in die Realität: Meine Augen tränenerfüllt, mein ganzes Gesicht geschwollen, weil ich vor lauter Wasser keine Luft mehr kriege. Weil ich dann spüre, dass sie nicht mehr da ist.

 

In der Regel gibt es Heimat nur dann, wenn man glaubt, sie verloren zu haben.

 

Gelegentlich beruhige ich mich und habe diesen entfremdeten Gedanken, wie verrückt es ist, wegen so etwas so viel Schmerz zu empfinden. Aber was bedeutet es, mit siebenundzwanzig das erste Mal in seinem Leben Heimweh zu haben?

Mir war nicht bewusst, dass es das erste Mal in meinem Leben war, dass ich ein Zuhause hatte.

Und wo ich mein äußeres zurücklasse, bin ich auf der Suche nach einem inneren.

 

~

 

Mein Schreibtisch wartet auf mich, ich starre ihn immerzu an. Die inzwischen vergilbte Lampe leuchtet schwach im dunklen Raum. Ich habe ihn mir nicht ausgesucht, er war im Angebot und aus Massivholz, mit so robusten Beinen, dass er säulenhaft dasteht, nie hinterfragt, wo er hingehört, während ich auf dem Bett kauere und darauf warte, dass es Morgen wird. Denn dann werde ich die Rollläden hochlassen und die Dämmerung beobachten, wie sie blau in den Raum dringt. Dann sitze ich dort und schreibe, manchmal mit nervös klopfendem Herzen, denn unruhig war ich damals auch, obwohl ich heute oft denke, dass ich nie so viel inneren Frieden empfunden habe wie dort. Vielleicht nur ein Trugschluss.

 

Ich bin erschöpft. Aber ich verliere mich nicht. Dafür ist es längst zu spät.

Heimweh

  • 8. Januar 2026

Ich schließe die Augen und sehe alles so deutlich vor mir, dass es schmerzt. Das Rauschen des Windes in den Blättern, die sanfte Wellenbewegung im Grün, dahinter ein blauer Himmel mit Wolkenfaden. Vielleicht fröstele ich, während ich im dritten Stock am Balkongeländer lehne und hinabschaue. Auf das breite Garagendach, das mit einer dicken Moosschicht bedeckt ist. Hier springen zu jeder Jahreszeit die Eichhörnchen herum. Die Balkone der anderen Häuser, rechts die weißen Fassaden, auf die schon morgens vom Osten her die Sonne knallt, bis sie sich später verschiebt und meinen Balkon berührt, wo ich im Winter so oft gesessen habe, nah an der null und trotzdem warm. Links jene Balkone, die im Schatten bleiben, versteckt hinter den Ästen des Ahorns. Und dann: mein Verlustschmerz.

Die Erinnerung ist so klar, dass ich nicht fassen kann, nicht mehr dort zu sein. Zuhause.

 

Ich lese ein Buch, das so heißt. Genauer gesagt einen Essay. Zuhause von Daniel Schreiber. Währenddessen schreibe ich parallel meinen eigenen, im Kopf, denn immer wieder laufe ich durch meine Wohnung. Ich sehe das wassergrüne Sofa gegenüber, einen Haufen von Kleidung darauf, während ich einschlafe, dann wieder zurück in die Realität: Meine Augen tränenerfüllt, mein ganzes Gesicht geschwollen, weil ich vor lauter Wasser keine Luft mehr kriege. Weil ich dann spüre, dass sie nicht mehr da ist.

 

In der Regel gibt es Heimat nur dann, wenn man glaubt, sie verloren zu haben.

 

Gelegentlich beruhige ich mich und habe diesen entfremdeten Gedanken, wie verrückt es ist, wegen so etwas so viel Schmerz zu empfinden. Aber was bedeutet es, mit siebenundzwanzig das erste Mal in seinem Leben Heimweh zu haben?

Mir war nicht bewusst, dass es das erste Mal in meinem Leben war, dass ich ein Zuhause hatte.

Und wo ich mein äußeres zurücklasse, bin ich auf der Suche nach einem inneren.

 

~

 

Mein Schreibtisch wartet auf mich, ich starre ihn immerzu an. Die inzwischen vergilbte Lampe leuchtet schwach im dunklen Raum. Ich habe ihn mir nicht ausgesucht, er war im Angebot und aus Massivholz, mit so robusten Beinen, dass er säulenhaft dasteht, nie hinterfragt, wo er hingehört, während ich auf dem Bett kauere und darauf warte, dass es Morgen wird. Denn dann werde ich die Rollläden hochlassen und die Dämmerung beobachten, wie sie blau in den Raum dringt. Dann sitze ich dort und schreibe, manchmal mit nervös klopfendem Herzen, denn unruhig war ich damals auch, obwohl ich heute oft denke, dass ich nie so viel inneren Frieden empfunden habe wie dort. Vielleicht nur ein Trugschluss.

 

Ich bin erschöpft. Aber ich verliere mich nicht. Dafür ist es längst zu spät.