Willkommen bei einer neuen Episode von: Erfolgreich Schreibtipps ignorieren mit Sonja
„Zieh dich zum Schreiben an, als gingest du zur Arbeit“ – so lautet ein Schreibtipp, den ich vor Kurzem entdeckt habe. Doch wieder einmal stellte sich beim Ausprobieren heraus, dass ich anderer Meinung bin. Erfahre hier, warum du lieber im Pyjama schreiben solltest.
Ich möchte mir feste Schreibroutinen zulegen und habe mich mal wieder auf die Suche nach passenden Schreibtipps gemacht. Dabei bin ich auf einen hilfreichen Artikel gestoßen, der mir mit vielen guten Ratschlägen aushelfen konnte. Einer der Tipps ist mir dabei besonders ins Auge gestochen:
Zieh dich an!
Genauer gesagt hieß es, man solle sich für das Schreiben anziehen, um den Beginn des Tages anzuerkennen und sich selbstbewusst und klar zu fühlen – als ginge man zur Arbeit ins Büro. Dadurch stelle man das Gehirn sozusagen darauf ein, produktiv zu sein.
Klingt erst mal einleuchtend, oder nicht? Da ich gerne morgens schreibe, scheint es naheliegend, mich für das Schreiben fertig zu machen wie für eine Verabredung. Auf diese Weise räume ich dem Schreiben bewusst Zeit ein und fühle mich in der Lage, wach und produktiv an meinen Projekten weiterzuarbeiten. Dagegen säße ich im Pyjama müde und chaotisch vor dem PC und bekäme wenig gebacken. Aber stimmt das wirklich?
Bisher sah meine Routine an erfolgreichen Schreibtagen wie folgt aus: Ich stand auf, machte mir einen Tee und setzte mich an den Schreibtisch, um handschriftlich meine Morgenseiten zu schreiben. Die Morgenseiten schafften es meist, mich aufzuwecken und zu inspirieren, was ich mir sehr gut zunutze machen konnte. Während ich zum Beispiel an meinem ersten Roman arbeitete, setzte ich mich direkt nach den Morgenseiten an den Computer, um zu schreiben. Dort saß ich dann so lange im Schlafanzug und ungeduscht, bis ich einen zufriedenstellenden Zwischenstand erreicht hatte. Alternativ wurde ich irgendwann zu hungrig oder musste mich wegen eines anderen Termins losreißen. Das war die unromantische Lebensrealität einer Schreibenden.
Leider begann ich irgendwann, diese Routine zu vernachlässigen, da ich unter einer langanhaltenden Schreibblockade litt. Der Alltag kam dazwischen, und andere Dinge waren vermeintlich wichtiger. Daher auch mein Wunsch nach einer neuen Schreibroutine. Ich nahm mir also den Tipp zu Herzen, mich vor dem Schreiben immer brav fertigzumachen und zog das auch eine ganze Weile durch: Nach den Morgenseiten ging ich duschen, zog mich an, aß ein kleines Frühstück – und setzte mich zivilisiert zurück an den Schreibtisch. Es war der ultimative Selbsttest.
Und er scheiterte kläglich.
Mich fertigzumachen sorgte dafür, dass sich das Schreiben weiter hinauszögerte. Denn plötzlich hatte ich die Zeit, ausführlich darüber nachzudenken, ob ich jetzt wirklich schreiben möchte, ob meine Geschichte nicht total blöd ist und warum andere Dinge gerade wichtiger sein könnten. Während ich duschte, erwischte ich mich – zack – bei dem Gedanken, dass ich noch diese und jene Mail beantworten muss, und dann aß ich mein Frühstück und – zack – war ich am Handy und schrieb Nachrichten oder schaute Videos.
Meistens war ich dann so im Alltagsmodus, dass die Inspiration einfach verflogen ist. Natürlich muss ich nicht zwingend inspiriert sein, um zu schreiben, doch grundsätzlich erleichtert es die kreative Arbeit, und ich will die Hemmschwelle zum Schreiben möglichst gering halten. Stattdessen wurde mein innerer Schweinehund mit jedem Schritt Richtung „Anziehen und Fertigmachen“ größer, und zwar so groß, dass ich an vielen Tagen gar nicht erst mit dem Schreiben anfing.
Ja, Schreiben macht Arbeit und es kann hilfreich sein, sich eine produktive Atmosphäre zu schaffen – bei mir helfen zum Beispiel eine Schreibkerze oder ein Cappuccino. Aber mal ganz ehrlich: Wir Schreibenden neigen sowieso zu wiederkehrenden Blockaden. Schreiben kann unerträglich sein, gerade wenn wir das Gefühl haben, uns dazu zu zwingen. Je mehr ich das Schreiben in meinem Kopf mit Arbeit verknüpfe, desto weniger Lust habe ich, neben nervigen Alltagsaufgaben auch noch etwas Kreatives zu leisten.
Ich möchte Schreiben ganz bewusst von Arbeit trennen. Ansonsten habe ich keinen Spaß und erst recht keine Motivation. Wenn ich es mir recht überlege, dann bedeutet das Im-Pyjama-Bleiben für mich vor allem Spaß. Wie viele von uns schlafen am Wochenende aus und bleiben schön lange im Schlafanzug, bis es sich irgendwann eklig anfühlt?
Schon als Kind assoziierte ich das Wochenende damit, mich morgens nochmal einzukuscheln, fernzusehen und im Pyjama zu faulenzen. Und da meine Künstler-Persönlichkeit definitiv kindlich ist, freue ich mich, wenn ich mir nach dem Aufstehen noch eine Geschichte ausdenken, einen Blogartikel schreiben und mit Worten spielen darf – ohne E-Mails oder Handys oder Arbeit. Spaß und Spiel machen mich am Ende produktiver.
Wie ich bei kreativen Blockaden schon mehrmals festgestellt habe: Kunst zu machen entspricht nie dem Idealbild, das wir im Kopf haben. Schreiben ist alltäglich, schreiben ist Arbeit – aber es ist auch Spaß und Spiel. Also bleib im Pyjama oder mach, was immer dir hilft, und nimm es mit den Schreibtipps nicht so eng. Schreibende Menschen sind so verschieden wie ihre Texte und brauchen dementsprechend unterschiedliche kreative Rituale. Das heißt nicht, dass Schreibtipps grundlegend schlecht oder überflüssig sind – vielmehr sollte man sie als eine Art Werkzeugkasten betrachten. Dort greifen wir uns auch nur das aus der Kiste, was wir für unser Möbelstück benötigen.
Ich habe entschieden, mich lieber daran zu erinnern, was schon in der Vergangenheit für mich funktioniert hat. Alles rund ums Schreiben möchte ich so gestalten, dass die Hemmschwelle möglichst niedrig ist. Selbst, wenn ich dafür im Pyjama vor’m PC sitze.
Wer dennoch damit zu kämpfen hat und möglichst viele Routinen und kreative Werkzeuge erkunden möchte, der kann zum Beispiel in meinem Artikel über kreative Rituale oder über das Buch Schreibwelten vorbeischauen. Außerdem empfehle ich die Buchreihe Musenküsse von Mason Currey. Innerhalb drei kleiner Bände berichtet der Autor von den täglichen Ritualen berühmter Künstlerinnen und Künstler, die wirklich völlig unterschiedlich aussehen. Es gibt die kreativen Chaoten und die disziplinierten Dauerschreiber. In seiner Sammlung skizziert Currey den idealen Tagesablauf der jeweiligen Künstler (nicht nur Schriftsteller) und geht dabei auch auf die kleinen, besonderen Merkmale ein. Dazu kommt hoffentlich bald ein eigener Artikel – wenn mich die Muse küsst.
Willkommen bei einer neuen Episode von: Erfolgreich Schreibtipps ignorieren mit Sonja
„Zieh dich zum Schreiben an, als gingest du zur Arbeit“ – so lautet ein Schreibtipp, den ich vor Kurzem entdeckt habe. Doch wieder einmal stellte sich beim Ausprobieren heraus, dass ich anderer Meinung bin. Über die Individualität von Schreibroutinen.
Ich möchte mir feste Schreibroutinen zulegen und habe mich dafür mal wieder auf die Suche nach passenden Schreibtipps gemacht. Dabei bin ich auf einen hilfreichen Artikel gestoßen, der mir mit vielen guten Ratschlägen aushelfen konnte. Einer der Tipps ist mir dabei besonders ins Auge gestochen:
Zieh dich an!
Genauer gesagt hieß es, man solle sich für das Schreiben anziehen, um den Beginn des Tages anzuerkennen und sich selbstbewusst und klar zu fühlen – als ginge man zur Arbeit ins Büro. Dadurch stelle man das Gehirn sozusagen darauf ein, produktiv zu sein.
Klingt erst mal einleuchtend, oder nicht? Da ich gerne morgens schreibe, scheint es naheliegend, mich für das Schreiben fertig zu machen wie für eine Verabredung. Auf diese Weise räume ich dem Schreiben bewusst Zeit ein und fühle mich in der Lage, wach und produktiv an meinen Projekten weiterzuarbeiten. Dagegen säße ich im Pyjama müde und chaotisch vor dem PC und bekäme wenig gebacken. Aber stimmt das wirklich?
Über Schreibroutinen und kreative Blockaden
Bisher sah meine Routine an erfolgreichen Schreibtagen wie folgt aus: Ich stand auf, machte mir einen Tee und setzte mich an den Schreibtisch, um handschriftlich meine Morgenseiten zu schreiben. Die Morgenseiten schafften es meist, mich aufzuwecken und zu inspirieren, was ich mir sehr gut zunutze machen konnte. Während ich zum Beispiel an meinem ersten Roman arbeitete, setzte ich mich direkt nach den Morgenseiten an den Computer, um zu schreiben. Dort saß ich dann so lange im Schlafanzug und ungeduscht, bis ich einen zufriedenstellenden Zwischenstand erreicht hatte. Alternativ wurde ich irgendwann zu hungrig oder musste mich wegen eines anderen Termins losreißen. Das war die unromantische Lebensrealität einer Schreibenden.
Leider begann ich irgendwann, diese Routine zu vernachlässigen, da ich unter einer langanhaltenden Schreibblockade litt. Der Alltag kam dazwischen, und andere Dinge waren vermeintlich wichtiger. Daher auch mein Wunsch nach einer neuen Schreibroutine. Ich nahm mir also den Tipp zu Herzen, mich vor dem Schreiben immer brav fertigzumachen und zog das auch eine ganze Weile durch: Nach den Morgenseiten ging ich duschen, zog mich an, aß ein kleines Frühstück – und setzte mich zivilisiert zurück an den Schreibtisch. Es war der ultimative Selbsttest.
Und er scheiterte kläglich.
Ergebnis meines Schreibroutinen-Selbstversuchs
Mich fertigzumachen sorgte dafür, dass sich das Schreiben weiter hinauszögerte. Denn plötzlich hatte ich die Zeit, ausführlich darüber nachzudenken, ob ich jetzt wirklich schreiben möchte, ob meine Geschichte nicht total blöd ist und warum andere Dinge gerade wichtiger sein könnten. Während ich duschte, erwischte ich mich – zack – bei dem Gedanken, dass ich noch diese und jene Mail beantworten muss, und dann aß ich mein Frühstück und – zack – war ich am Handy und schrieb Nachrichten oder schaute Videos. Meistens war ich dann so im Alltagsmodus, dass die Inspiration einfach verflogen ist.
Natürlich muss ich nicht zwingend inspiriert sein, um zu schreiben, doch grundsätzlich erleichtert es die kreative Arbeit, und ich will die Hemmschwelle zum Schreiben möglichst gering halten. Stattdessen wurde mein innerer Schweinehund mit jedem Schritt Richtung „Anziehen und Fertigmachen“ größer, und zwar so groß, dass ich an vielen Tagen gar nicht erst mit dem Schreiben anfing.
Ja, Schreiben macht Arbeit und es kann hilfreich sein, sich eine produktive Atmosphäre zu schaffen – bei mir helfen zum Beispiel eine Schreibkerze oder ein Cappuccino. Aber mal ganz ehrlich: Wir Schreibenden neigen sowieso zu wiederkehrenden Blockaden. Schreiben kann unerträglich sein, gerade wenn wir das Gefühl haben, uns dazu zu zwingen. Je mehr ich das Schreiben in meinem Kopf mit Arbeit verknüpfe, desto weniger Lust habe ich, neben nervigen Alltagsaufgaben auch noch etwas Kreatives zu leisten.
Warum es eine gute Idee ist, im Pyjama zu bleiben
Ich möchte Schreiben ganz bewusst von Arbeit trennen. Ansonsten habe ich keinen Spaß und erst recht keine Motivation. Wenn ich es mir recht überlege, dann bedeutet das Im-Pyjama-Bleiben für mich vor allem Spaß. Wie viele von uns schlafen am Wochenende aus und bleiben schön lange im Schlafanzug, bis es sich irgendwann eklig anfühlt?
Schon als Kind assoziierte ich das Wochenende damit, mich morgens nochmal einzukuscheln, fernzusehen und im Pyjama zu faulenzen. Und da meine Künstler-Persönlichkeit definitiv kindlich ist, freue ich mich, wenn ich mir nach dem Aufstehen noch eine Geschichte ausdenken, einen Blogartikel schreiben und mit Worten spielen darf – ohne E-Mails oder Handys oder Arbeit. Spaß und Spiel machen mich am Ende produktiver.
Wie ich bei kreativen Blockaden schon mehrmals festgestellt habe: Kunst zu machen entspricht nie dem Idealbild, das wir im Kopf haben. Schreiben ist alltäglich, schreiben ist Arbeit – aber es ist auch Spaß und Spiel. Also bleib im Pyjama oder mach, was immer dir hilft, und nimm es mit den Schreibtipps nicht so eng. Schreibende Menschen sind so verschieden wie ihre Texte und brauchen dementsprechend unterschiedliche kreative Rituale. Das heißt nicht, dass Schreibtipps grundlegend schlecht oder überflüssig sind – vielmehr sollte man sie als eine Art Werkzeugkasten betrachten. Dort greifen wir uns auch nur das aus der Kiste, was wir für unser Möbelstück benötigen.
Für weitere Inspiration und individuelle Routine
Ich habe entschieden, mich lieber daran zu erinnern, was schon in der Vergangenheit für mich funktioniert hat. Alles rund ums Schreiben möchte ich so gestalten, dass die Hemmschwelle möglichst niedrig ist. Selbst, wenn ich dafür im Pyjama vor’m PC sitze.
Wer dennoch damit zu kämpfen hat und möglichst viele Routinen und kreative Werkzeuge erkunden möchte, der kann zum Beispiel in meinem Artikel über kreative Rituale oder über das Buch Schreibwelten vorbeischauen. Außerdem empfehle ich die Buchreihe Musenküsse von Mason Currey. Innerhalb drei kleiner Bände berichtet der Autor von den täglichen Ritualen berühmter Künstlerinnen und Künstler, die wirklich völlig unterschiedlich aussehen. Es gibt die kreativen Chaoten und die disziplinierten Dauerschreiber. In seiner Sammlung skizziert Currey den idealen Tagesablauf der jeweiligen Künstler (nicht nur Schriftsteller) und geht dabei auch auf die kleinen, besonderen Merkmale ein. Dazu kommt hoffentlich bald ein eigener Artikel – wenn mich die Muse küsst.