Über „Das Mädchen an der Orga Privat“ von Rudolf Braune
Eigentlich sollte das Buch vor allem der Recherche für eine historische Kurzgeschichte dienen. Doch dann hat mich Rudolf Braunes Sprache so sehr verzaubert, dass ich nicht aufhören wollte zu lesen – von diesem Mädchen an der Orga Privat.

Die Orga Privat – das ist die älteste und klapprigste Schreibmaschine im Büro der Eisenverwertungs GmbH, und doch will Erna Halbe sie bald nicht mehr gegen eine andere eintauschen. Die 19-jährige Protagonistin hat sich gerade vom engen Elternhaus in der Provinz gelöst, um in Berlin eine Stelle als Stenotypistin anzutreten. Zum ersten Mal in einer solchen Großstadt, muss sie sich in der Anonymität Berlins noch zurechtfinden: Hautnah erlebt sie den Kontrast zwischen schick bekleideten Paaren auf dem Weg ins Theater und Mitstreitern, die in dicht bewohnten Arbeitsvierteln am Hungertuch nagen.
Auch im Tippzimmer muss sich Erna unter den Frauen erst behaupten. Doch mit ihrer resoluten Art ist sie schnell mehr als nur „die Kleine an der Orga Privat“, wie die anderen Tippmädels sie anfangs taufen. Als Erna mitbekommt, wie eine Kollegin nach der sexuellen Belästigung des Bürovorstehers unter den körperlichen Folgen einer Schwangerschaft zu leiden hat, will sie sich wehren. Sie fordert ihre Kolleginnen zum Aufstand auf, um die Kündigung der Schwangeren zu verhindern.
Doch können sich die Frauen in einer Zeit von Arbeitslosigkeit und finanzieller Ausbeutung gegen ihre patriarchalen Arbeitgeber zur Wehr setzen?
Ich lese die ersten beiden Seiten des Romans und weiß sofort: Dieses Buch ist genau für mich. Denn die Sprache von Rudolf Braune verzaubert mich von Anfang an. Seine Beobachtungen sind so präzise und bildhaft verfasst, dass ich Ernas Eindrücke von Berlin genau vor mir sehe und zugleich die schönen Formulierungen genieße. Ein seltener Zustand, lässt doch eine verzaubernde Sprache gern mal den Inhalt übersehen – oder umgekehrt.
Ihrem Fenster gerade gegenüber, etwas tiefer, neben dem Häuserblock leuchtet ein einsamer Sonnenfleck auf dem Dachpappenbuckel einer Maschinenfabrik […]. Erna beugt sich weit aus dem Fenster und betrachtet lange den Sonnenfleck, der so angenehm warm aussieht. […]
Die Hinterfronten stehen kahl, grau und fensterlos da, eine dem Bahndamm zugekehrte Seite ist an eine Parfümfirma vermietet worden, die ihre gewaltige Shampoo-Reklame aufgepinselt hat.
Erna kann auch den Himmel sehen, und deshalb ist es in großen Städten gut, hoch oben unter den Dächern zu wohnen. Auf den Straßen vergisst man den Himmel. Er steht blank und sauber über Berlin, wolkenlos, glatt, metallen. Er riecht nach Gras.
(S. 26-27)
Es sind Passagen wie diese, in denen mir das Lesen zum Genuss wird. Auch die Dynamik im Schreibzimmer, das langsame Sich-Annähern an die anderen Frauen sowie das Kennenlernen mit dem späteren Liebhaber Fritz beschreibt der Autor auf feinsinnige Weise.
Dennoch geht es in Das Mädchen an der Orga Privat vor allem ums Überleben, darum, eine Bleibe zu finden, mit wenig Geld auszukommen und sich jene Geborgenheit zu suchen, an der es in der Großstadt sonst fehlt. Solidarität ist hier das Wort, das im Laufe des Romans am wichtigsten wird, wenn Erna mit ihrem Aufstand die so unterschiedlichen, teils vorsichtigen jungen Frauen endlich zu einer Einheit zusammenschweißt.
Zwar scheint es mir etwas unrealistisch, dass ausgerechnet das Mädchen aus der Provinz dies innerhalb von nur einer Woche erreichen kann – jedoch will Braune meiner Ansicht nach vor allem eine übergeordnete, politische Botschaft senden.
Je mehr Bücher ich über angestellte Frauen am Ende der 1920er Jahre lese, desto beeindruckender finde ich die Resilienz dieser Frauen. Oft erzählen die Geschichten von emotionalem und sexuellem Missbrauch, davon, den Körper herzugeben für die größere Portion beim Mittagstisch, oder von dem Verzicht, der unweigerlich kommt, wenn man sich alleine durchschlagen muss. Und obwohl auch Erna verletzlich ist, richtet sie den Blick doch ausschließlich nach vorn.
Das Mädchen an der Orga Privat von Rudolf Braune wurde 2022 vom Jaron Verlag im Rahmen der „Berlin-Bibliothek“ neu verlegt. Die Reihe schenkt auch den Werken anderer unbekannter Autorinnen und Autoren ein neues Leben. Ich finde es schön, auf diese Weise einen Blick zurückwerfen zu können auf das, was uns die vergangene Literatur auch über die bekannten Klassiker hinaus zu bieten hat. Und plötzlich weiß ich auch die Unibibliothek wieder zu schätzen, in der ich während des Studiums so viel Zeit verbracht habe – und wo ich nun auch den ein oder anderen Fund mache.
Abgesehen von der Sprache kann ich in diesen alten Geschichten in eine ganz andere Lebenswelt eintauchen und nah dran sein an dem, was die Menschen vor hundert Jahren bewegt hat. Dafür liebe ich Literatur.
Ich für meinen Teil jedenfalls habe jetzt Lust, noch mehr von Rudolf Braune zu lesen. Und fühle mich in meiner Recherche erst richtig angekommen.
Wer noch ein bisschen mehr über Das Mädchen an der Orga Privat erfahren will, dem empfehle ich den Blogartikel „Heldinnen an der Schreibmaschine“ von David A. Lindsam, über den ich auf das Buch aufmerksam geworden bin.
Eigentlich sollte das Buch vor allem der Recherche für eine historische Kurzgeschichte dienen. Doch dann hat mich Rudolf Braunes Sprache so sehr verzaubert, dass ich nicht aufhören wollte zu lesen – von diesem Mädchen an der Orga Privat.

Die Orga Privat – das ist die älteste und klapprigste Schreibmaschine im Büro der Eisenverwertungs GmbH, und doch will Erna Halbe sie bald nicht mehr gegen eine andere eintauschen. Die 19-jährige Protagonistin hat sich gerade vom engen Elternhaus in der Provinz gelöst, um in Berlin eine Stelle als Stenotypistin anzutreten. Zum ersten Mal in einer solchen Großstadt, muss sie sich in der Anonymität Berlins noch zurechtfinden: Hautnah erlebt sie den Kontrast zwischen schick bekleideten Paaren auf dem Weg ins Theater und Mitstreitern, die in dicht bewohnten Arbeitsvierteln am Hungertuch nagen.
Auch im Tippzimmer muss sich Erna unter den Frauen erst behaupten. Doch mit ihrer resoluten Art ist sie schnell mehr als nur „die Kleine an der Orga Privat“, wie die anderen Tippmädels sie anfangs taufen. Als Erna mitbekommt, wie eine Kollegin nach der sexuellen Belästigung des Bürovorstehers unter den körperlichen Folgen einer Schwangerschaft zu leiden hat, will sie sich wehren. Sie fordert ihre Kolleginnen zum Aufstand auf, um die Kündigung der Schwangeren zu verhindern.
Doch können sich die Frauen in einer Zeit von Arbeitslosigkeit und finanzieller Ausbeutung gegen ihre patriarchalen Arbeitgeber zur Wehr setzen?
Ich lese die ersten beiden Seiten des Romans und weiß sofort: Dieses Buch ist genau für mich. Denn die Sprache von Rudolf Braune verzaubert mich von Anfang an. Seine Beobachtungen sind so präzise und bildhaft verfasst, dass ich Ernas Eindrücke von Berlin genau vor mir sehe und zugleich die schönen Formulierungen genieße. Ein seltener Zustand, lässt doch eine verzaubernde Sprache gern mal den Inhalt übersehen – oder umgekehrt.
Ihrem Fenster gerade gegenüber, etwas tiefer, neben dem Häuserblock leuchtet ein einsamer Sonnenfleck auf dem Dachpappenbuckel einer Maschinenfabrik […]. Erna beugt sich weit aus dem Fenster und betrachtet lange den Sonnenfleck, der so angenehm warm aussieht. […]
Die Hinterfronten stehen kahl, grau und fensterlos da, eine dem Bahndamm zugekehrte Seite ist an eine Parfümfirma vermietet worden, die ihre gewaltige Shampoo-Reklame aufgepinselt hat.
Erna kann auch den Himmel sehen, und deshalb ist es in großen Städten gut, hoch oben unter den Dächern zu wohnen. Auf den Straßen vergisst man den Himmel. Er steht blank und sauber über Berlin, wolkenlos, glatt, metallen. Er riecht nach Gras.
(S. 26-27)
Es sind Passagen wie diese, in denen mir das Lesen zum Genuss wird. Auch die Dynamik im Schreibzimmer, das langsame Sich-Annähern an die anderen Frauen sowie das Kennenlernen mit dem späteren Liebhaber Fritz beschreibt der Autor auf feinsinnige Weise.
Dennoch geht es in Das Mädchen an der Orga Privat vor allem ums Überleben, darum, eine Bleibe zu finden, mit wenig Geld auszukommen und sich jene Geborgenheit zu suchen, an der es in der Großstadt sonst fehlt. Solidarität ist hier das Wort, das im Laufe des Romans am wichtigsten wird, wenn Erna mit ihrem Aufstand die so unterschiedlichen, teils vorsichtigen jungen Frauen endlich zu einer Einheit zusammenschweißt.
Zwar scheint es mir etwas unrealistisch, dass ausgerechnet das Mädchen aus der Provinz dies innerhalb von nur einer Woche erreichen kann – jedoch will Braune meiner Ansicht nach vor allem eine übergeordnete, politische Botschaft senden.
Je mehr Bücher ich über angestellte Frauen am Ende der 1920er Jahre lese, desto beeindruckender finde ich die Resilienz dieser Frauen. Oft erzählen die Geschichten von emotionalem und sexuellem Missbrauch, davon, den Körper herzugeben für die größere Portion beim Mittagstisch, oder von dem Verzicht, der unweigerlich kommt, wenn man sich alleine durchschlagen muss. Und obwohl auch Erna verletzlich ist, richtet sie den Blick doch ausschließlich nach vorn.

Das Mädchen an der Orga Privat von Rudolf Braune wurde 2022 vom Jaron Verlag im Rahmen der Berlin-Bibliothek neu verlegt. Die Reihe schenkt auch den Werken anderer unbekannter Autorinnen und Autoren ein neues Leben. Ich finde es schön, auf diese Weise einen Blick zurückwerfen zu können auf das, was uns die vergangene Literatur auch über die bekannten Klassiker hinaus zu bieten hat. Und plötzlich weiß ich auch die Unibibliothek wieder zu schätzen, in der ich während des Studiums so viel Zeit verbracht habe – und wo ich nun auch den ein oder anderen Fund mache.
Abgesehen von der Sprache kann ich in diesen alten Geschichten in eine ganz andere Lebenswelt eintauchen und nah dran sein an dem, was die Menschen vor hundert Jahren bewegt hat. Dafür liebe ich Literatur.
Ich für meinen Teil jedenfalls habe jetzt Lust, noch mehr von Rudolf Braune zu lesen. Und fühle mich in meiner Recherche erst richtig angekommen.
Wer noch ein bisschen mehr über Das Mädchen an der Orga Privat erfahren will, dem empfehle ich den Blogartikel „Heldinnen an der Schreibmaschine“ von David A. Lindsam, über den ich auf dieses Buch aufmerksam geworden bin.
